In Deutschland ist es HEISS. Dort, wo ich wohne, sind es in diesem Moment draußen 36 Grad, im Lauf der kommenden Woche wird es noch wärmer. Vorhin musste ich mein Auto tanken, und während ich so in der Gluthitze neben der Zapfsäule stand, dachte ich: Das ist doch verrückt, Mitte Juni in Deutschland. Im Juli okay, im August rechnet man damit, aber im Juni? Deutschland ist auf diese Temperaturen nicht eingestellt, es gibt viel zu wenig Hitzeschutz, kaum Klimaanlagen in Innenräumen und viel zu wenig Beschattung im Außenbereich – und auch ich persönlich bin nicht drauf eingestellt mit meiner Dachgeschosswohnung, Klamotten, die nicht luftig genug sind, und den vollgepackten Arbeitstagen im glutheißen Büro. Klar ist das ein Klimathema, ein globales Problem. Aber es ist auch ein Körperthema, ein persönliches Thema und ein regionales Thema. Natürlich auch ein Wohlstandsthema, denn in einem klimatisierten Raum lassen sich selbst 40 Grad Außentemperatur easy aushalten, während ich ihr als Arbeiterin auf dem Feld, als Obdachlose in der Stadt oder als Kellnerin im Eiscafé, die den ganzen Tag hin und her läuft, schutzlos ausgeliefert bin.
Dass wir in Deutschland schlecht auf Hitze vorbereitet sind, wird ja seit Jahren diskutiert. Dazu kommt, dass es in einem Land wie unserem auch mental herausfordernd ist. Eben noch waren es 17 Grad und Regen, nun plötzlich ist es brüllend heiß. Der schnelle Wechsel ist anstrengend.
Ich habe mich also gefragt, während ich neben der Zapfsäule stand und die flirrende Luft betrachtete: Wie würde ich jetzt gerade mit der hohen Temperatur umgehen, wenn ich in einem ohnehin heißen Land wäre, zum Beispiel im Hochsommer in Südafrika? Ich glaube, ich würde die Hitze anders ertragen, weil ich mental besser darauf eingestellt wäre. Ich hätte keine innerliche Sperre dagegen. Ich würde denken: Ach naja, so ist das halt in einem heißen Land. Ich bin hier zu Gast, deshalb respektiere ich, dass es wahnsinnig heiß ist, denn so ist das eben in Südafrika im Hochsommer. Als Konsequenz würde ich meinen Tagesablauf anpassen. Morgens früher aufstehen, schon ganz früh zu unseren schönen Wanderungen aufbrechen und spätestens um elf zurück sein, damit man sich im schattigen Haus vor der brennenden Sonne in Sicherheit bringen kann. Ich würde nicht anzweifeln, dass das südafrikanische Wetter nun einmal so ist, heiß im Sommer.
Aber nicht hier, in Deutschland nervt mich das und ich weigere mich, es zu akzeptieren. Ich möchte, dass mein gewohntes Leben weitergeht, und tue so, als ob es eben nicht heiß wäre. Gehe zur Arbeit in mein nicht-klimatisiertes Büro ohne richtigen Sonnenschutz, ziehe mich businessmäßig zu warm an, trage im Alltag keinen Hut und koche mir warmes Essen, weil man das eben einmal am Tag so macht. Ich fürchte, ich bin zu Deutsch für diesen Hitzesommer. Was für ein aussichtsloser Kampf.
In traditionell heißen Ländern wissen die Menschen, dass sie die Hitze ernst nehmen müssen, weil es sonst gefährlich werden kann. Sie kühlen sich, wo und wie immer es geht, bauen ihre Häuser entsprechend und halten Mittags eine Siesta, dann sind auch die meisten Geschäfte zu. Häuser sind dort anders gebaut, in Spanien zum Beispiel hat man oft wunderschöne, schattig gestaltete und komplett geflieste Innenhöfe, in denen, wenn man Glück hat, in der Mitte ein Brunnen plätschert. Daran denke ich beim Schreiben, während in meiner Dachgeschosswohnung das Thermometer 32,5 Grad zeigt.
Ich erinnere mich an einen Urlaub in meiner Jugend, ich war vielleicht 16, 17 Jahre alt, als mein Vater sich entschied, mit uns im August (!) nach Tunesien (!) in einen Ferienclub auf der Insel Djerba zu reisen. Natürlich habe ich auch als Teenie schon geahnt, dass es da ziemlich heiß werden würde, aber dass es 48 Grad sein würden, damit habe ich nicht gerechnet – und mein Vater bestimmt auch nicht, sonst wäre er sicher nicht mit uns dorthin gereist.
Ich bin kein Mensch, der gut mit hohen Temperaturen zurecht kommt. Meine Haut ist hell und verbrennt schnell, ich habe dickes Haar und bin mollig, deshalb habe ich immer das Gefühl, schon unter meinen Klamotten einen Skianzug mit Mütze zu tragen. Und in Tunesien wurde mir klar: Wenn ich diese drei (!) Wochen ohne körperlichen Schaden überstehen möchte, muss ich mich der Sonne unterordnen. Also stand ich morgens um fünf auf, wenn es schön kühl war und der Tau auf den Blüten lag. Mein Vater und ich spielten ein paarmal Tennis morgens um sechs, gingen danach in unsere Zimmer duschen und zum Frühstück – und um acht Uhr morgens zog ich mich zurück. Den Tag verbrachte ich drinnen vor der Klimaanlage. Damals gab es noch kein Internet, also las ich, schrieb Tagebuch, schaute fern, dachte nach. Und zwar in schattiger Dunkelheit und Stille. Oft ging ich nicht mal zum Mittagessen – und wenn doch, dann zog ich mir langärmelige Oberteile und lange Hosen an, bedeckte meine Füße, setzte einen Hut auf. Ich schirmte einfach so viel von meiner Haut ab, wie nur irgendwie möglich war, bis ich zurück in mein Exil gehen konnte. Abends, wenn es dann abkühlte, zog ich mich schöner an und freute mich auf Gesellschaft. Damals verstand ich erstmals, warum viele Menschen in heißen Ländern sich mit langer Kleidung bedecken.
Was also ist die Konsequenz für die Hitzetage, die andauern werden? Die Temperaturen ernst nehmen und sich kühlen, wo immer es geht. Nicht jeder kann tagsüber ins Freibad gehen, aber auch im Büro gibt es oft die Möglichkeit, sich einen Ventilator zu besorgen, Getränke in der Teeküche kalt zu stellen und die Füße unterm Schreibtisch in eine Wanne mit kaltem Wasser zu tauchen. Der Sommer will respektiert werden. Also behandeln wir uns auch so.





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