Es ist heiß. Und während man das Gefühl hat, dass fast alles durch 38 Grad ein wenig langsamer wird, machen meine Erinnerungen keine Sommerpause. Im August vor drei Jahren sind wir in unser Haus gezogen. Ich habe nicht ganz zwei Jahre dort gelebt, mittlerweile wohne ich bereits seit einem Jahr in meiner Ein-Zimmer-Wohnung im Nachbarort, mit Single-Spülmaschine und Dachfenster und Schachbrettfliesen im Bad. Mein Haus, unser süßes kleines charmantes charaktervolles altes Haus, ist immer noch nicht verkauft, trotz Maklerin, trotz vieler Interessentinnen, ja, vorwiegend Frauen, die sich verliebt, aber dann doch nicht getraut haben. Das ist eine emotionale Herausforderung, denn nach einer Trennung möchte man ja auch irgendwann abschließen, im wahrsten Sinne. Normalerweise zieht man um, macht die alte Wohnung leer und gibt den Schlüssel ab. Das tut zwar weh, aber man schaut nach vorne und bewegt sich weiter durch die Zeit. Der Schmerz wird besser und geht irgendwann ganz weg.
Ich hingegen lebe immer noch in diesem Dazwischen: Mein neues Leben hat schon begonnen, ich habe in meiner Wohnung schon einen ganzen Jahreszyklus verbracht, Sommer, Herbst, Weihnachten, Silvester, Ostern. Sie ist fertig eingerichtet, ich war hier schon krank, habe gefeiert, hatte schon Freude und Kummer, habe gekocht, geräumt, Dinge zerbrochen und gekittet. Und zugleich ist da noch das Alte, denn mein langjähriger jetzt Ex-Partner lebt immer noch im Haus, mit unseren drei Katzen und auch einigen Möbeln, die uns beiden gehören. Im Keller steht noch mein Fahrrad, im Geschirrschrank mit Sicherheit noch die eine oder andere Schüssel oder Tortenplatte, die mir gehört und die ich noch nicht mitgenommen habe. Komisch. Ich denke oft darüber nach, dass es nochmal ein weiterer großer Schritt wird, das Haus irgendwann ganz zu verabschieden und alles herholen zu müssen, was dort gerade noch rumsteht. Die ganzen Dinge, die ich angeschafft und für die ich die Verantwortung übernommen habe. Wo sollen die hin? Hier ist doch schon alles voll.
Die Verantwortung für etwas übernommen haben, das gilt auch im besonderen Maß für mein kleines Haus an sich. Es ist mein erstes Eigentum, ich konnte mir vorher gar nicht vorstellen, was das mit mir machen würde. Im Guten – ich habe mich intensiv damit auseinandergesetzt, dass ich nun dort bleibe, dass das mein Ort auf der Welt ist. Und im Schlechten – denn ich bin nicht dort geblieben, es ging nicht. Das lag aber weniger am Haus als an dem Leben, dass damit verknüpft war. Ein sehr in die Jahre gekommenes, trotz Partnerschaft etwas einsames Leben, das irgendwie anderswo stattgefunden hat. Es ging, solange ich das mit dem Haus unbedingt weiter aufrecht halten wollte. Aber dann habe ich mich neu verliebt und musste einsehen, dass ich trotz aller Kredite und Verträge kein Leben zu Ende leben kann, das sich nicht mehr wie meins anfühlt. Ich wollte glücklich sein – und habe zwar Angst gehabt, aber auch darauf vertraut, dass alles andere sich schon irgendwie regeln wird. Und das tut es, auch wenn ich oft traurig bin, es manchmal hart und das Geld oft knapp ist.
Eben unter der Dusche habe ich darüber nachgedacht, wie das damals war mit dem Hauskauf. Und ich habe mich gefragt, wie ich mir die Zukunft an diesem Punkt in meinem Leben eigentlich vorgestellt habe, als ich damals beim Notar saß und das alles unterschrieben habe. Die Wahrheit ist: Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, wie es mir wohl zwei Jahre später geht, drei Jahre später, 20 Jahre später. Ich habe mich nicht gesehen, wie ich dort Jahre und Jahrzehnte lebe. Ich wollte einfach: endlich ankommen. Endlich nicht mehr kämpfen, mich nicht mehr hocharbeiten, mich nicht mehr beweisen müssen, nicht mehr jeden Abend und jedes Wochenende bei Immo Scout die Anzeigen durchsuchen. Sondern mein Territorium abstecken, mich auf mein eigenes Stück Erde legen und die Arme ausstrecken. Ich wollte meine Ruhe – und ein bisschen auch endlich das, was die Anderen haben, ein festes Commitment, eine Zukunft, die man sich aufbaut. So macht man das doch, oder? Man bindet sich, findet seinen Ort, setzt sich zur Ruhe und ist zufrieden mit dem, was man hat. Aber eine Zukunft kann man nicht einfach beanspruchen, wenn noch zu viel ungeklärt ist, man selbst im Grunde gar nicht weiß, was man will und braucht. Und wenn der Mensch, mit dem man das macht, auch nicht weiß, was er will und braucht.
Manchmal wundere ich mich darüber, wie wenig ich mich damals mit Anfang 40 kannte. Aber das vergangene Jahr, seitdem ich aus dem Haus aus- und in meine Wohnung eingezogen bin, habe ich mich besser kennengelernt. Ich war oft alleine und habe viel geweint, auch getrauert um das Leben, das ich mir eingerichtet habe und das dann nicht getragen hat. Plötzlich damit konfrontiert zu sein, dass alles, worauf man hingearbeitet hat, innerhalb von wenigen Monaten zerbrochen ist, ist ein Schock. Aber wenn man dem nicht aus dem Weg geht, führt es zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Ich war ein bisschen erschrocken darüber, wie wenig ich mich selbst in den vergangenen Jahren vor der Trennung noch gesehen und gespürt habe. Aber ich bin besser geworden darin, mich wieder zu fühlen und auch zu hinterfragen, was ich eigentlich wirklich möchte. Ich lerne mich jeden Tag besser kennen. Leicht ist das nicht, aber wertvoll.
Ich habe heute größeren Respekt davor, meine Zukunft zu planen – und in Verträge und Immobilien zu gießen -, weil ich mittlerweile verstanden habe, dass ich immer nur das als Maßstab anlegen kann, was ich jetzt über mich weiß. Aber das ist okay. Entscheidungen müssen nicht für immer tragen, denn niemand weiß, was „für immer“ noch bereit hält. Ich habe gelernt, dass ich Dinge notfalls korrigieren kann, auch wenn es schmerzhaft, anstrengend und teuer ist. Aber es geht. Alles geht.
Wenn ich mich heute frage, wo ich in drei Jahren sein werde, weiß ich es nicht. Aber ich hoffe, dass ich weiter auf dem Weg zu mir selbst bin. Alles andere ergibt sich unterwegs.



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