Verlernen wir durch den Lockdown das Leben?

Foto: Curtis Thornton / unsplash.com

Ich weiß nicht warum, aber in den letzten Tagen schlägt der Lockdown mir echt aufs Gemüt. Und das, obwohl es zum ersten Mal seit Monaten Öffnungsperspektiven gibt. Doch es dauert einfach alles so lange – und auch, wenn Friseure nun wieder öffnen und ich mit Termin durchs Möbelhaus spazieren kann, weiß niemand, wie lange. Karl Lauterbach – und nicht nur er – sieht uns ja schon am Beginn der dritten Welle. Und ich denke mir: Wenn das so weitergeht, verlerne ich das Leben.

Eins meiner Lieblingsgedankenspiele, wenn ich nicht gerade mit dem Thema Umzug beschäftigt war, war in den letzten Monaten die Frage, was ich wohl jetzt gerade tun würde, wenn es keinen Lockdown gäbe. Am Anfang lauteten die Antworten noch: Vielleicht würde ich jetzt gerade reisen. Im Restaurant mit Freunden sitzen. Oder durch ein Kaufhaus bummeln.

Aber je länger der Lockdown geht, desto fremder kommen mir diese Gedanken vor. Rausgehen? Ist doch eigentlich nur anstrengend. BH und Jeans anziehen? Unbequem, lieber im gemütlichen Chill- und Homeoffice-Outfit bleiben. Die eigenen vier Wände verlassen? Wozu, wenn doch draußen ohnehin nur das Virus lauert. Und überhaupt, dann wäre ja die Katze alleine. Das mag sie nicht, sie hat lieber Gesellschaft.

Wie weit weg scheint mir gerade die Anne zu sein, die noch vor kurzem – oder war es doch in einem anderen Leben? – allein mit dem Rucksack durch England gereist ist. Oder mit ihrer Freundin einen Roadtrip durch Kroatien und Schottland gemacht hat. Jene Freundin war letztens richtig vor den Kopf gestoßen, als ich mal unbedacht im Videochat so dahin sagte, dass ich sowieso nicht mehr verreisen würde. Keine Ahnung, warum ich das in dem Moment gesagt habe; die Reisen fehlen mir ja eigentlich mit am meisten. Aber ich kann mir einfach gerade nicht vorstellen, genug Kraft für die Anstrengung, die mit all dem verbunden ist, aufzubringen. Das hat gar nichts mit dir zu tun, A.

Letztens habe ich einen YouTuber, der Motivationsvideos postet, sagen hören, dass die Komfortzone ein fluides Gebilde ist. Mal ist sie weiter, mal enger. Gehen wir jeden Tag joggen, reisen wir durch die Gegend und stellen uns täglich neuen Herausforderungen, weitet sie sich. Verkriechen wir uns daheim, fangen an, Menschen zu meiden und Herausforderungen zu scheuen, zieht sie sich zusammen. An diesem Punkt bin ich gerade, und sicher nicht nur ich. Und ich frage mich, wie eng die Komfortzone wohl noch werden kann. Wird sie irgendwann so eng, dass ich die Wohnung gar nicht mehr verlassen will oder kann? Wird sie anliegen wie eine zweite Haut, so dass ich mich im Dunkeln vor der Welt verstecke, voller Angst, am Leben teilnehmen zu müssen? Hoffentlich nicht! :(

Denn das Daheim-Rumhängen ist ja kein angenehmes Chillen. Am Anfang vielleicht, da fand ich vielleicht auch, dass die Entschleunigung uns allen gut tut. Aber das ist leider vorbei, mittlerweile tut mir einfach alles weh und ich versacke in mir selbst. Es gab vor einiger Zeit mal einen Werbespot der Bundesregierung unter dem Hashtag #besonderehelden, in dem erinnert sich ein alter Mann an den Herbst 2020. Und dieser Werbespot spiegelt die momentane Situation ziemlich gut wieder. Dort heißt es: „Also blieben wir daheim und taten, was von uns erwartet wurde: nichts. Absolut gar nichts.“ Die Gesichter der jungen Menschen in dem Spot erinnern mich an das, was ich jeden Tag im Spiegel sehe. Langeweile. Isolation. Antriebslosigkeit. Das Fehlen jeglicher Impulse. Ein emotionales, intellektuelles Abstumpfen. Verzweiflung. Das ist sie, diese bleierne Corona-Müdigkeit, die einem schon auch Angst macht. Wie daraus befreien? Mit Online-Shoppen, um sich wenigstens wieder auf etwas freuen zu können? Schnaps, um sich zu betäuben? Oder Schmerz, um sich herauszureißen aus dieser furchtbaren Lethargie? Gerade verstehe ich die Textzeilen von Johnny Cash auf eine neue Weise besser als früher:

I hurt myself today
To see if I still feel
I focus on the pain
The only thing that’s real.

Johnny Cash – Hurt

Bleibt das jetzt für immer so? Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir aus diesem Tief wieder rauskommen. Denn die gute Nachricht ist: Die Komfortzone kann sich auch wieder ausdehnen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Natürlich wird so manches auf der Strecke bleiben, das wir in der Zwischenzeit als überflüssig erkannt haben. Aber unterm Strich wird das Leben vielleicht doch irgendwann wieder so ähnlich wie vorher.

Spätestens, wenn wir alle geimpft sind und es wieder normal ist, jeden Tag eine Jeans anzuziehen und das Haus zu verlassen, blicken wir zurück auf diese Zeit und erkennen sie als tiefes Tal, durch das wir gegangen sind und uns irgendwann wieder nach oben gekämpft haben. Noch sitzen wir zwar am Fuß des Berges, schauen nach oben und trauen uns die Anstrengung nicht zu. Doch wir schaffen das! Wir dürfen uns nur nicht auf den Weg konzentrieren, sondern müssen uns ablenken.

Warum sage ich das? So ähnlich ging es mir, als ich mit A. auf der kroatischen Isel Mljet in die Odysseushöhle hinab gestiegen bin. Es war heiß, es war steil, es war staubig, wir liefen eine Stunde lang nur bergab. Und ich wusste, wir müssen den ganzen Weg wieder zurück, denn unser Auto stand oben an der Straße. Ich hatte Zweifel, vielleicht sogar ein bisschen Furcht, ob wir das schaffen würden. Und ob das Wasser ausreichte. Oder ob wir irgendwann nicht mehr weiterkönnten und einfach dort sitzenbleiben würden. Doch als wir unten ankamen, erhielt ich zufällig Neuigkeiten. An diesem Tag wurde nämlich verkündet, ob mein damaliger Arbeitgeber die große Ausschreibung der AOK gewonnen oder verloren hatte. Eben jene Info bekam ich aufs Handy geschickt, als ich gerade unten vor der Höhle stand. Meine Agentur hatte verloren – und in dem Moment war mir klar, dass das auch für mich Konsequenzen hatte. Dass ich wahrscheinlich meinen Job verlieren würde. Wie konnte ich mich da noch um das bisschen Staub und Hitze sorgen? Diese Nachricht brachte mich so auf, dass ich mich an den Rückweg bis heute überhaupt nicht mehr erinnere. Ich war tief in Gedanken, marschierte einfach darauf los und stand plötzlich wieder vor dem Auto. Plötzlich gab es nämlich viel wichtigere Sorgen als meine diffuse Angst vor dem Rückweg. Und die trieben mich an!

Genauso schaffen wir es auch, aus dem Corona-Tief wieder zurück ins Leben zu kommen! Einfach losmarschieren – und an was anderes denken. Vielleicht nicht an was Schlimmeres, aber an etwas Intensiveres.

Und vor allem: Rausgehen, sich nicht hängen lassen. Denn dann haben wir schon verloren. Mein erster Schritt ist, jetzt Björn zu schnappen und raus in die Sonne zu gehen, um ein bisschen zu laufen. Schönen Sonntag Euch allen!

Ich in meiner aktuellen Comfort Zone: dem Schlafzimmer unserer neuen Wohnung.

5 Kommentare

  1. Du sprichst bzw. schreibst mir aus der Seele. Die Bequemlichkeit ist eine fiese Hilfskonstruktion in dieser Zeit. Hoffen wir, den Weg zurück ins wahre Leben „draußen“, sobald möglich, schnell zu finden.

  2. Exakt so geht es mir gerade – ich überlege jeden Tag aufs neue, ob es sich überhaupt lohnt, nach draußen zu gehen oder ob ich nicht lieber Zuhause bleibe. Jede Ausrede ist mir recht und meinen BH hab ich schon seit Wochen nicht mehr getragen. Es tut gut zu lesen, dass es auch anderen so ergeht. Wobei ich dann jetzt mal wieder meine persönliche Komfortzone erweitern werde :)

    1. Gute Idee. Immerhin gibt es ja die Hoffnung darauf, sie wieder auszudehnen. Ich fange damit an, indem ich mir bei meinem Frisörtermin diese Woche nicht nur die Spitzen schneiden, sondern auch noch Strähnchen machen lasse. Einfach nur so, für mich. 🥰 Und du? Ideen?

      1. Meinen Frisörtermin habe ich leider erst im April, aber da darf dann direkt eine neue Frisur her. Außerdem gönne ich mir am kommenden Wochenende einen entspannten (toi toi toi) Spaziergang über den Markt und beschenke mich mit einem schönen Blumenstrauß. :)

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