Die vergangene Woche habe ich in Holland am Meer verbracht, ich Glückliche. Das Ganze war eigentlich viel kürzer geplant – gebucht waren erstmal nur drei Übernachtungen – und hat sich unerwartet zu einer kleinen Rundreise entwickelt. Zuerst waren wir vier Tage in der Nähe von Den Haag, dann ein paar Tage am Ijsselmeer und schließlich in Assendelft, einem nahezu beschaulichen Städtchen im Großraum Amsterdam. Nachdem die ersten beiden Hotels eher klein und gemütlich waren, haben wir uns über dieses dritte Hotel doch ziemlich gewundert. Und von diesem Erlebnis möchte ich euch hier erzählen.
„Nebula Hotel by Ines“, das klingt etwas mysteriös. Ich habe das Hotel auf Booking gefunden und die Bewertungen waren nicht schlecht, vor allem wurde gelobt, wie modern und sauber es sei. Also gebucht und ohne besondere Erwartungen dort hingefahren. Doch als wir ankamen, erkannten wir schnell, wie speziell dieses Hotel ist.
Erstmal haben wir den Eingang nicht gefunden, weil es von außen gar nicht ausgeschildert ist. Nachdem wir zweimal mit unseren Koffern vorbei gelaufen waren, haben wir uns schließlich auf Google Maps verlassen und durch eine Glastür die riesengroße, karge, anonyme und ein wenig schmuddelige geflieste Vorhalle eines Fitnessstudios betreten. Dort stand ein schüchternes Banner, dass auf das „Hotel Nebula“ im zweiten Stock hinwies. Die Rolltreppen waren außer Betrieb, und nach einigem Suchen fanden wir einen abgeranzten Lastenaufzug, der uns und unser Gepäck ruckelig in den zweiten Stock brachte. Oben erwartete uns eine Hotelrezeption, die ein bißchen aussah, als ob Instagram lebendig geworden wäre. Rundliche Sofas mit Teddyfell bezogen, moderne bogenförmige Tische, ein schicker geschwungener Tresen im Stil von Akustik-Panelen – kurzum, alles ziemlich stylish. Wir dachten also, dass sich das Hotel trotz der etwas gruseligen Anreise in den zweiten Stock nun als ganz gut herausstellen würde. Bis wir unser Zimmer betraten.
Und feststellten: Es gibt kein Fenster.
Okay, es gab ein Pseudofenster. Das aber besser nicht dagewesen wäre. Eine von Vorhängen umrahmte, auf der Zimmerseite verspiegelte Glasscheibe. Das Zimmer lag im Stockdunkeln, obwohl es erst nachmittag war. Sofort fragte ich mich, was wohl hinter der verspiegelten Scheibe war, und trat ganz nah ans Glas heran. Und erkannte, schwach schimmernd, dahinter einen schmalen Gang, höchstens einen Meter tief, der von oben schummrig beleuchtet war. Wie gruselig! Man muss nicht besonders viele Horrorfilme gesehen haben, um in so einer Situation Kopfkino zu kriegen. Was ist das für ein Gang? Wo führt er hin? Warum ist er beleuchtet? Wer hat Zutritt? Und kann man von dort aus in unser Zimmer schauen?
Wir zogen die Verdunklungsvorhänge ganz schnell zu. Tageslicht gab es ja ohnehin keins in diesem Zimmer, und so hatte man wenigstens das Gefühl, dass niemand von außen herein blicken konnte. Wir legten uns ins Bett und versuchten, irgendwie mit der Situation klar zu kommen. In was für einem Hotel waren wir gelandet? War es überhaupt sicher, hier zu bleiben?
Nun, wir sind geblieben. Im Stockdunkeln. Wir haben die beiden Übernachtungen irgendwie rumbekommen und es gelang mir sogar, nicht die ganze Zeit an den gruseligen Gang zwei Meter neben dem Bett zu denken. Die Tage verbrachten wir bis zum Sonnenuntergang am Strand, dann schlafen im lichtlosen Zimmerloch – und beim Aufwachen nicht wissen, ob es vier Uhr nachts oder elf Uhr vormittags ist. Ohne Tageslicht funktioniert die innere Uhr nicht. Eine interessante Erkenntnis.
Rückblickend bin ich beeindruckt davon, wie gut es uns gelungen ist, den Gang auszublenden. Nach der ersten Entdeckung habe ich damit gerechnet, dass ich dort kaum einschlafen können würde, aber das ging erstaunlicherweise dennoch.
Seitdem habe ich viel darüber nachgedacht, was dieses Erlebnis mit mir gemacht hat. Klar, sehr oft werde ich schon irgendwo übernachtet haben, wo es Gruseliges gab, aber eben ohne es zu wissen. Das Schlimme ist das Wissen.
Vor Jahren habe ich mal einen Blogbeitrag zur Frage geschrieben, ob es wichtig ist, was darunter liegt. Damals ging es um meine Wohnung im zweiten Stock und das Wissen, dass darunter das offene Parkdeck und die düstere Tiefgarage lagen.
Aber auch um die Frage, woher ich komme und welche Schichten eigentlich jenseits meiner aktuellen mentalen Wände liegen. Vielleicht macht mir sowas wie der gruselige düstere Gang deshalb ein bisschen Angst, weil ich es mit dem Unbekannten, Düsteren in mir gleichsetze. Und fürchte, dass wenn ich es physisch vor Augen geführt bekomme, ich es in mir nicht gut ignorieren kann. Aber dann wiederum bin ich im vergangenen Jahr, dem ersten Jahr, seit ich aus meiner langjährigen Beziehung und meinem Haus ausgezogen bin, vielen meiner Dämonen begegnet und habe viele meiner düsteren Gänge beschritten. Vielleicht konnte ich deshalb im „Hotel Nebula“ am Ende doch einschlafen, auch wenn ich wusste, dass nebenan eventuell Gefahr lauert. Weil ich weiß, dass man das aushalten, realistisch einschätzen und dann weiterleben kann.





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