Homeoffice: 9 schlaue Tipps und was sie wert sind

Foto: Everardo Sanchez

Als im März 2020 alle erstmals ins Homeoffice geschickt wurden, gab es jede Menge Artikel zur Frage, wie man es schafft, daheim so zu arbeiten, dass man nicht den Verstand verliert. Im Mai, als ich zwei lange Wochen im Homeoffice für eine Kommunikationsagentur arbeitete, habe ich viele davon gelesen – und mir auch selbst dazu Gedanken gemacht. Damals, im Mai, fand ich es nämlich echt unerträglich, daheim zu arbeiten. Die Stille, die Isolation, dazu die Einarbeitung in einen neuen Job, der mir nicht lag und der mich überforderte – das alles war ziemlich heftig und ich fühlte mich so einsam, dass ich regelrecht depressiv wurde. Da halfen auch keine Homeoffice-Tipps.

Doch das, was ich da erlebt habe, war nicht exemplarisch fürs Homeoffice, das weiß ich jetzt. Daheim arbeiten ist, wenn man einen Job hat, den man gut leiden kann, nämlich nur halb so schlimm. :) Und eigentlich unterscheidet es sich gar nicht so sehr vom Im-Büro-Sein, außer dass man bei der Arbeit eine Jogginghose tragen, zum Mittagessen die Simpsons auf Disney+ schauen und aufs eigene Klo gehen kann.

Was diese ganzen Artikel betrifft, ist es allerdings interessant, dass es keine Follow-up-Berichte dazu gibt. Denn ich finde, nach mehr als einem Jahr Covid-Pandemie wissen wir nun alle, wie es im Homeoffice wirklich ist. Und haben die schlauen Tipps, die man überall nachlesen kann, im Alltagsbetrieb hinreichend getestet. Ich arbeite in meinem nicht mehr ganz so neuen Job mittlerweile nun schon seit Dezember im Homeoffice. Zeit, die Ratschläge, die man mir zwischenzeitlich gegeben hat, mal auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen und selbst ein paar Erfahrungswerte zu teilen.

Tipp 1: Richte dir einen gesunden Arbeitsplatz ein

Erfahrung: Im Büro hat man einen ergonomischen Stuhl, einen Bildschirm, der erhöht steht, und vielleicht sogar einen höhenverstellbaren Schreibtisch. Guess what? Daheim nicht. Da sitzt man mit dem Laptop am hölzernen Esstisch, auf dem Lieblingsstuhl von IKEA. Doch wer das Spiel ein paar Tage lang gespielt hat, kennt die Schmerzen in Rücken, Nacken und Gelenken. Damit wir unsere Körper in der Pandemie nicht völlig verschleißen, ist es unerlässlich, für sich selbst zu sorgen und in ein paar Gadgets zu investieren, die das Arbeiten daheim gesünder machen. Mein Game-Changer war ein orthopädisches Stuhlkissen von feela für 41,90 Euro (Amazon). Seitdem ich das benutze, habe ich keine Rückenschmerzen mehr. Einen Überblick, wofür man seine nicht benötigte Reisekasse in diesem Frühjahr noch plündern kann, gibt zum Beispiel dieser Artikel.

Tipp 2: Erstelle einen fixen Zeitplan für deinen Homeoffice-Tag

Erfahrung: Das ist sicher Geschmackssache. Aber ich finde, das große Plus am Homeoffice ist doch, dass ich eben keinen in Stein gemeißelten Plan für meinen Tag brauche. Ich habe natürlich Zooms und Telefonate, die fest terminiert sind und die das Gerüst des Tages bilden, aber dazwischen arbeite ich einfach flexibel meine sich stetig weiterentwickelnde To-Do-Liste ab und freue mich, dass ich in guten Zeiten selbst priorisieren kann. Ich verstehe aber natürlich, dass ein fester Ablaufplan Sicherheit geben kann. Das Schöne am Homeoffice ist: Jede und jeder kann den eigenen optimalen Weg finden, sich zu strukturieren.

Tipp 3: Sorge für frische Luft und Bewegung

Erfahrung: Wenn man zum Arbeiten nicht das Haus verlässt, entfallen der Fußweg zum Bahnhof, der kurze Spaziergang vom Parkhaus zum Arbeitsplatz oder das Treppensteigen im Büro. Ja, sogar die paar Schritte vom Schreibtisch zum Drucker fallen weg, denn der steht praktischerweise genau neben mir auf dem Esstisch. Mit anderen Worten: Man bewegt sich nur noch im magischen Viereck zwischen Bett, Bad, Wohnzimmer und Kühlschrank, vielleicht ein paar hundert Schritte am Tag. Für Bewegung sorgen bedeutet, sie bewusst herbeizuführen. Also in der Mittagspause eine halbe Stunde spazieren gehen, daheim öfter mal eine Runde auf den Hometrainer – und an richtigen Schlappi-Tagen auch abends noch ab auf die Yoga-Matte. Oder auch mal eine Rücken- oder Nackenübung von Liebscher&Bracht zwischendurch, die lassen sich auch am Schreibtisch machen. Ich überlege jetzt sogar, mir wieder einen Schrittzähler anzuschaffen (ich finde das „Urban Leaf“ von Bellabeat so schön). Doch das kostet, deshalb habe ich mir vorerst mal nur eine Pedometer-Schrittzähler-App runtergeladen und merke schon, dass man da einen gewissen Ehrgeiz entwickelt, zu laufen, um auf die Tagesschrittzahl zu kommen. Krass: Früher, zu Ärzte-Zeitungs-Zeiten, habe ich mit einem Spaziergang in der Mittagspause und dem Parken am Ortseingang easy 10.000 Schritte geschafft. Im Homeoffice sind schon 6000 eine echte Herausforderung …

Tipp 4: Iss regelmäßig und gesund

Erfahrung: Wäre wichtig, klappt aber, ähnlich wie im Büro, mal besser, mal schlechter. Es gibt Tage, da frühstücke ich gemütlich, bevor ich den Laptop einschalte, dann wieder gibt es Tage, da futtere ich während des Zoom-Meetings heimlich Chips aus der Tüte, weil ich vorher nicht zum Essen kam. Die Überlebensstrategie ist, einfach viel gesundes Essen (am besten auch schnell zugängliche gesunde Snacks) im Kühlschrank zu haben und wenig Süßkram einzukaufen. Aber naja, das ist ein hohes Ideal. Wichtiger noch als Essen ist, tatsächlich mal eine Pause zu machen. Wenn man durchpowert, schlägt das aufs Dauer auf die Psyche, und nicht zuletzt leidet darunter auch die Qualität der Arbeitsergebnisse.

Was Hipster halt so essen. Foto: Marc Mintel

Tipp 5: Kleide dich, als ob du ins Büro gehen würdest

Erfahrung: Hahahahaha. Ein Jahr später ist das Gegenteil der Fall – Björn und ich schlonzen mittlerweile auch in der Jogginghose zum Einkaufen. Wenn meine Mutter das irgendwann rauskriegt, zieht sie mir die Ohren lang. Aber die Wahrheit ist doch: Wieso sollte ich zum Daheimarbeiten etwas Formelles anziehen, wenn doch nur Katzenhaare drankommen? Duschen und frisch anziehen ist selbstverständlich, aber es muss ja nicht gleich der Blazer sein, eine Jogginghose und ein Pulli tun es auch. Ohrringe/Kette brauche ich auch nicht im Homeoffice, und Make-up gibt’s nur, wenn ein Zoom ansteht – aber ein BH ist ein Muss, sonst fühl ich mich zu schlafanzugig. :D Der Tipp ist also für die Katz, würde ich sagen. Und er wird immer nutzloser, je länger der Lockdown dauert.

Tipp 6: Trenne Arbeit und Freizeit

Erfahrung: In unserer alten Wohnung, aus der wir Anfang Februar ausgezogen sind, hatten wir unser Homeoffice im Wintergarten aufgebaut. Dort konnte man zum Feierabend die Tür zumachen. Mittlerweile haben wir keinen separaten Raum mehr dafür, stattdessen sitze ich mit Laptop und Diensthandy im Wohnzimmer am Esstisch. Doch diese räumliche Vermischung stresst mich nicht, ich setze mich immer noch gern auch mit einem leckeren Essen an den gleichen Tisch und denke nicht ans Homeoffice. Wichtig ist viel eher, die technische Verbindung zu kappen. Das bedeutet: Zum Feierabend schalte ich mein Diensthandy in den Flugmodus. Das habe ich anfangs nicht konsequent so gemacht. Doch seit ich regulär im Homeoffice bin und das Festnetztelefon im Büro dauerhaft aufs Handy umgestellt ist, ist es einfach nötig, da auf meiner Festnetznummer auch viele „verirrte“ Anrufer ankommen, die nicht wissen, wer genau der richtige Ansprechpartner für ihre Frage ist. Es tut einfach gut, offline zu gehen. Denn egal welchen Job man hat, kaum jemand wird dafür bezahlt, 24 Stunden am Tag erreichbar zu sein.

Foto: Raphael Lovaski

Tipp 7: Kommuniziere mehr

Erfahrung: Was das betrifft, war die Richtung im März 2020 klar: Statt immer nur Mails zu schreiben, sollte man im Lockdown die Kollegen lieber anrufen, um mit ein paar freundlichen Worten der Isolation vorzubeugen. Einfach mehr zu kommunizieren war der Masterplan der ersten Monate. In der Tat waren am Anfang alle hochmotiviert, menschliche Kontakte zu pflegen, sich mit Kollegen zu digitalen Mittagspausen zu verabreden und ein hohes Level an Interaktion zu erhalten. Doch das wurde manchmal auch zu viel, denn wenn ich den ganzen Vor- und Nachmittag in digitalen Meetings bin, brauche ich in der Mittagspause einfach ein bisschen Zeit für mich. Mittlerweile ist sowas wie Normalität eingekehrt, würde ich sagen. Software wie Zoom und Co haben wir alle hinreichend erprobt und wissen, welche Form von Nähe sie leisten können und welche nicht. Der Reiz des Neuen ist vorbei, wir sind nicht mehr ganz so überdreht, es ist jetzt halt so, dass jeder für sich bleibt und man nur hier und da kommuniziert. Ist ja auch okay, am Ende des Tages geht es darum, dass die Arbeit gemacht ist.

Tipp 8: Lass dich nicht ablenken

Erfahrung: Das ist ein dummer Tipp. Als ob das Büro frei von Ablenkungen wäre! Wieso sollte es dann das Homeoffice sein? Und warum werden Ablenkungen per se verteufelt? Im Gegenteil, sie bringen doch Farbe in den Tag. Wenn ich eine Aufgabe vor mir habe, die mir keinen Spaß macht, räume ich erstmal die Spülmaschine aus oder werfe unserer Katze ein paar Minuten lang ihr Lieblingsbällchen durch den Flur. Zwischendrin klingelt der Amazon-Paketbote und bringt die dringend erwarteten neuen Schrankgriffe. Da darf man doch mal ins Paket lunsen! Wenn ich durch solch eine kurze Unterbrechung auf andere Gedanken gekommen bin, fühle ich mich besser und setze mich dann halt doch an meine ungeliebte Aufgabe, meistens auch mit passablem Ergebnis. Ich bin überzeugt, dass es allen so geht. Und deswgeen braucht niemand ein schlechtes Gewissen zu haben, denn auch im Büro arbeitet man nicht netto effektiv acht Stunden ohne Unterbrechung.

Tipp 9: Räume abends deinen Arbeitsplatz auf

Erfahrung: Das kommt natürlich darauf an, mit welcher Ausrüstung man arbeitet. Björn zum Beispiel brauchte in seinem vorherigen Job zwei große Bildschirme, einen PC und eine Tastatur. Ich komme mit meinem Laptop, einer Maus, meinem Handy und einem Papierberg aus. Aber aufräumen heißt ja nicht leerräumen. Auch wenn vielleicht nicht alles wegzuräumen geht, merke ich doch, dass es eine ordnende Wirkung auf mich hat, abends den zugeklappten Laptop zur Seite zu schieben, die Stifte ins Glas zu stellen und die gebrauchten Kaffeetassen in die Küche zu bringen. Kleinigkeiten halt, die aber für ein Feierabendgefühl sorgen. Guter Tipp. :)

Wie ist das denn bei Euch? Seid auch Ihr im Homeoffice? Und wenn ja, habt Ihr im letzten Jahr Erfahrungswerte gesammelt, die Ihr mit uns teilen möchtet? Welcher Tipp, den man Euch zu Anfang gegeben hat, hat sich als sinnvoll herausgestellt, welcher total enttäuscht? Ich freue mich auf den Austausch mit Euch!

So sieht’s bei mir nicht aus, no way. :) Foto: Lucija Ros

5 Kommentare

  1. :) Dein Fazit ist so treffend!Gerade die Kleidungsfrage ist völlig an mir vorbei gegangen. Ich habe mir eher fürs Homeoffice ein paar Jogginghosen und Leggins gekauft – ich werde garantiert Zuhause nicht mit Jeans oder Hosenanzug rumlaufen. Wenn ich eine ViKo habe, wird dagegen geguckt, dass es relativ professionell aussieht.
    Und die Disziplin, gesund im Homeoffice zu essen, habe ich auch nicht. Das funktioniert im regulären Büro viel besser.
    LG
    Julia

    1. Liebe Julia, danke für deinen Kommentar. Ich frag mich auch, weshalb ich im Büro disziplinierter esse. Allein am Angebot kann es nicht liegen, ich hab auch oft haltbare Snacks in der Schublade für „Notfälle“. Vielleicht ist es doch die Einsamkeit im Homeoffice, für die man sich entschädigen muss? Fakt ist: So gut wie jeder beklagt sich grade über die Lockdown-Kilos. Das kommt ja auch nicht von ungefähr. Liebe Grüße.

  2. Super Idee, dieses Update! Ich bin auch der Meinung, jeder muss in seiner speziellen Situation den richtigen Weg und seine Tricks finden, das Ganze zu optimieren. Ich bin nun über ein Jahr im Homeoffice. An die Bewegung dachte ich gleich zum Auftakt, denn wenn man nicht zur Arbeit fahren muss, kann man diese gesparte Zeit für einen Morgenspaziergang nutzen. Sehr empfehlenswert und zugegeben leichter umzusetzen, wenn man ohnehin aufstehen muss, um die Kinder zu versorgen oder zur Schule zu begleiten.
    Was die Abgrenzung Job/Privatleben betrifft, habe ich nach einigen Monaten harten Prozess gemacht. Ich arbeite nur halbtags, blieb aber zu Beginn den ganzen Tag auf „Stand by“, falls die Kollegen doch noch etwas brauchten, weil sie regelmäßig nicht in der Lage waren, es mir bereits am Vormittag zu kommunizieren. Das mache ich nun nicht mehr. Klare Ansage: Um eins schalte ich ab. Wenn (ausnahmsweise) etwas wirklich Dringendes ist, ruft mich an. Geht nicht davon aus, dass ich nachmittags die E-Mails checke.
    Was mir auch arg zu schaffen macht, sind die Schulterprobleme. Ich ziehe regelmäßig mit meinem Laptop um, da keiner der Plätze ergonomisch ideal ist.
    Liebe Grüße nach Frankfurt aus dem lombardischen Homeoffice!

    1. Liebe Anke, herzlichen Dank für den Einblick. Und gut, dass du den harten Schnitt gemacht hast und nicht mehr Vollzeit Mails checkst, obwohl du nur für eine halbe Stelle bezahlt wirst. Komischerweise gilt man als Frau dann schnell mal als barsch, obwohl es doch eigentlich ganz logisch ist, dass man außerhalb der Arbeitszeit keine Berufsmails checkt. Was die Schulterprobleme betrifft: Könnte das vielleicht mit dem Laptop zu tun haben? Ich arbeite auch regulär mit Laptop daheim, und der Bildschirm ist schon recht weit unten im Vergleich zu einem großen separaten Bildschirm, der vielleicht noch erhöht steht. Vielleicht hilft es ja, einen zusätzlich anzuschließen? Viele Grüße aus Frankfurt. 😊

      1. Danke für den Tipp. Muss ich mal prüfen. Es ist aber auch die Kombination von Tisch und Stuhl und Abständen, alles suboptimal. Zum Glück nur halbtags, ach nein, danach blogge und schreibe ich weiter. 😉 Deshalb ist das Umziehen wichtig, bald auch wieder nachmittags auf den Balkon.😊

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