8 gute Gründe, sich (vielleicht) aufs Homeoffice zu freuen

Foto: Ahmed Hasan

In Frankfurt steigt und steigt die Inzidenz, am Freitag lag sie bei 242,5. Vergangenes Jahr waren wir bei so einer Inzidenz schon lange nicht mehr unbeschwert draußen unterwegs. Wir alle erinnern uns ja noch lebhaft an geschlossene Schulen, Läden und Restaurants – und an Highlights wie Ausgangssperre und Outdoor-Maskenpflicht in der menschenleeren Innenstadt. Dieses Jahr ist aufgrund der hohen Impfquote alles etwas entspannter. Alle sind etwas entspannter. Frankfurt hält sogar (noch) am Weihnachtsmarkt fest.

Und ich? Weiß nicht so recht, was ich von all diesen Entscheidungen und Fehlentscheidungen halten soll. Ich merke immer mehr, dass ich nicht genug vom medizinischen Hintergrund verstehe und zum Beispiel keine Vorstellung davon habe, wie gut mein eigener Impfschutz gerade noch ist. Aber mein Gefühl sagt mir: So richtig sicher und unzerstörbar fühlen kann ich mich nicht. Vor allem, weil ich Kinder unter zwölf in meiner Familie und meinem Umfeld habe, die noch völlig ungeschützt sind.

Die Politik, so scheint mir, weiß selbst nicht so genau, was das alles bedeutet. Sind hohe Zahlen immer noch schlimm? Oder alles ganz entspannt? Ist es richtig, durch die neue PCR-Testregel bei 3G „nur“ den Druck auf die freiwillig Ungeimpften zu erhöhen? Und den Geimpften weiter alle Freiheiten zu lassen? Und was bedeutet das denn für die Kitas und Schulen, in denen keines der unter-zwölfjährigen Kinder geimpft ist? Müssten die nicht konsequenterweise genauso geschlossen werden wie im vergangenen Jahr, weil sich für die ungewollt Ungeimpften nichts an der Situation geändert hat? Dieses Nicht-Reagieren der Politik befremdet mich gerade etwas; auch wenn ich natürlich keine Idee habe, welche Entscheidung die Richtige wäre. Aber für mich fühlt es sich an, als passiert bisher zu wenig. Und Menschen werden sterben, die nicht sterben müssten.

Nun könnte aber doch was gehen: Heute morgen habe ich in der Tagesschau-App gelesen, dass Noch-Arbeitsminister Hubertus Heil die Homeoffice-Pflicht zurückbringen möchte (Tagesschau-Artikel „Homeoffice-Pflicht und 3G in Zügen?“ Stand: 14.11.2021 08:54 Uhr). Ob das so kommt? Unklar, denn die Regierung ist ja gerade in einer Übergangsphase – die Einen entscheiden nicht mehr, die Anderen noch nicht. Aber möglich wäre es, laut Tagesschau hat sich Grünen-Co-Chef Robert Habeck ebenfalls für eine stärkere Nutzung von Homeoffice ausgesprochen.

Als ich das heute morgen gelesen habe, hatte ich sofort sehr widersprüchliche Gefühle und Gedanken. Komplett zurück ins Homeoffice – was würde das denn bedeuten (hier lesen: „Homeoffice – neun schlaue Tipps und was sie wert sind“)? Um diese Idee für mich selbst besser einordnen zu können, habe ich mal eine Pro- und Contra-Liste erstellt. Und siehe da, ich bin offenbar ein Fan des Homeoffice. Denn mir sind mehr gute als schlechte Aspekte eingefallen.

Echt mies an einer Homeoffice-Pflicht

Die Gesamtsituation, first and foremost: Dass wir überhaupt über eine Rückkehr zur Homeoffice-Pflicht sprechen, bedeutet ja: Die Zahlen sind hoch, die Lage unübersichtlich, viele Menschen, die jetzt erkranken, werden Spätfolgen zurückbehalten oder sogar sterben. Eltern, Gastronomen, Hotels, Geschäftsinhaber, Selbständige leiden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden vielleicht, wie im letzten Jahr, entlassen, können Kredite und Mieten nicht mehr zahlen, haben schlimme Existenzängste. Daran gibt es überhaupt nichts Gutes. Und alles, was noch in diesem Artikel kommt, egal ob an nervigen oder erfreulichen Aspekten, soll im Schatten dieses Leidens verstanden werden.

Return of the Isolation: Ich weiß noch, wie einsam ich mich in der vergangenen Homeoffice-Periode gefühlt habe. Als Björn auch im Homeoffice war (noch in unserer alten Wohnung), hatten wir uns im Wintergarten ein gemeinsames Office eingerichtet und haben uns so gegenseitig Gesellschaft geleistet. Als wir dann umgezogen waren und er einen neuen Job mit Präsenzpflicht antrat, war ich irgendwann kurz davor, mir so einen Wellensittich-Spiegel über den Tisch zu hängen, um nicht in meiner Einsamkeit einzugehen.

Gewichtszunahme: Allein daheim, immer in der Nähe von Kühlschrank und Schnuckelbox – muss ich mehr sagen?

Gesellschaftliche Folgen: Wer ins Homeoffice geschickt wird, trifft sich natürlich auch nicht zum gemütlichen vorweihnachtlichen Beisammensein mit Kolleginnen und Kollegen. Vermutlich fallen auch in diesem Jahr wieder die Weihnachtsfeiern aus. Das ist schlecht für die gebeutelten Gastronomen, aber auch schlecht fürs soziale Gefüge innerhalb einer Arbeitsabteilung. Im Sommer hat mein Team vorsichtig wieder soziale Treffen aufgenommen, es gab ein Sommerfest, gemeinsame Mittagessen, drei Klausurtagungen, natürlich immer mit Abstand und Maske. Und ich habe gemerkt, wie wichtig das für mich war, um nach mehr als einem dreiviertel Jahr im neuen Job richtig anzukommen. Dafür, dass das vorübergehend möglich war, bin ich dankbar. Und so gestärkt wäre auch eine zweite Runde Homeoffice-Pflicht weniger schlimm – für mich persönlich. Andere, die dieses Jahr einen neuen Job begonnen haben, sind leider aufgeschmissen.

Verlust meiner geliebten Arbeitsfreiheit: Seitdem ich wieder ins Büro kommen darf, hat sich mein Arbeitsalltag hervorragend eingependelt. Ich schätze, dass ich ca. 80 Prozent meiner Arbeitszeit im Büro oder auf Auswärtsterminen verbringe. 20 Prozent (je nachdem, wie die Woche so aussieht) arbeite ich von daheim aus. Oft gar nicht ganze Tage, sondern zum Beispiel nur den Vormittag, wenn nur Schreibtischarbeit oder ein Zoom ansteht, dann fahre ich zu einem Termin und anschließend ins Büro zu einem Präsenzmeeting. Das ist eine großartige Freiheit, die vieles leichter macht – und die ich, ehrlich gesagt, sehr genieße. Durchgehend erreichbar zu sein, aber unabhängig vom Ort arbeiten zu können, ist und bleibt superkomfortabel.

Die Mülltonne ist immer voll: Seitdem wir im Februar umgezogen sind, wohnen wir in einem modernen Komplex mit Wohnungen und Geschäftsräumen wie Friseur, Bäcker, Läden und Praxen. Unsere zwei großen grünen Tonnen werden Montagmorgens geleert. Auffällig: Während alle im Homeoffice waren, waren die Mülltonnen oft schon Mitte der Woche so voll, dass nichts mehr reinpasste und sogar Säcke wieder herausfielen, die kunstvoll obenauf arrangiert worden waren. Ein Ärgernis (wer will schon Müll in der Wohnung lagern?), aber auch klar, immerhin landete aller Müll, den wir sonst im Büro ließen, nun im heimischen Eimer. Da wir im Lockdown umgezogen sind, dachten wir erst, das wäre der Normalzustand, aber die Lage entspannte sich mit der Rückkehr der Nachbarn an den Arbeitsplatz wenigstens etwas. Heute sind die Mülltonnen erst Samstag so voll, dass sie fast explodieren. Immer noch nicht optimal, aber wenn die Homeoffice-Pflicht wirklich wiederkommt, graut es mir schon jetzt vor den Müllbergen zur Wochenmitte.

Foto: Sticker Mule

Angenehm an einer Homeoffice-Pflicht

Gemütlich: Ja, Homeoffice hat natürlich auch gute Seiten. Zum Beispiel, dass man in der Jogginghose LEBT. Ich habe in der letzten HO-Phase kaum Geld für Straßenklamotten ausgegeben – und als ich erstmals wieder eine richtige Hose anziehen musste, hab ich mich gefühlt wie verkleidet.

Kein Auto kratzen: Menschen ohne Garage kennen es. Dieses kratzige Geräusch morgens, die abgefrorenen Finger. Gerne auch der Schnee, der einem in den Kragen fliegt, wenn man den zugeschneiten Scheibenschutz runterzieht. Wundervoll – nicht. Darauf verzichtet man doch gerne.

Man spart Geld: Daheim arbeiten ist viel günstiger. Die Autofahrt zur Arbeit und zurück fällt natürlich weg, also tankt man weniger. Und auch die Essensversorgung unterwegs kostet mehr, als sich mal eben ein Brot zu schmieren oder Nudeln zu kochen. Strom, Wasser und andere Umlagen, die man daheim mehr verbraucht, bekommt man wenigstens anteilig vom Staat zurück.

Die Katzen sind nicht allein: Wenn wir tagsüber weg sind, wachsen unseren Katzen kleine Teufelshörnchen, kaum dass wir abends durch die Tür kommen. Dann übertreffen sie sich gegenseitig mit ihren wilden Streichen und fordern mit aller Macht unsere Aufmerksamkeit. Wenn wenigstens einer von uns tagsüber da ist, zwischendrin mal mit ihnen schmust und sie für ihre Teuflischkeit schimpft, sind sie abends ausgeglichener und „foltern“ uns weniger.

Es ist immer jemand da, der dem Paketboten die Tür öffnet: Bis 2019 war es ein vorweihnachtlicher Volkssport, den Päckchen hinterher zu laufen. Denn die landeten aus Prinzip beim Nachbarn, der direkt nach der Annahme drei Wochen in den Urlaub fuhr, bei der völlig überlasteten Postfiliale oder in der Packstation (Gott bewahre, wenn der Abholcode fehlerhaft war, der Automat nicht mitspielte oder das Päckchen ins falsche Fach einsortiert war). Oder sie wurden mit diesem kruden neuen Paketdienst verschickt, dessen einzige Abgabestelle im Tierladen in der Altstadt ist, der leider regulär täglich um 13 Uhr schließt. All das war 2020 plötzlich gar kein Problem mehr, denn auch wenn zwölf verschiedene Paketboten täglich klingelten, war ich immer da und drückte freudig auf den Türöffner.

Nervige Hybrid-Meetings werden wieder rein digital: Hybrid ist die Zukunft – aber dafür müssen wir technisch nachbessern. Aktuell bedeutet in meinem Team ein hybrides Meeting, dass die, die im Raum sitzen, stecknadelkopfgroß auf dem Bildausschnitt zu sehen sind und von denen, die virtuell zugeschaltet sind, akustisch kaum verstanden werden. Wenn alle wieder im digitalen Raum unterwegs sind, hört und sieht man sich viel besser. Und bekommt noch einmal die Chance, darüber nachzudenken, wie hybride Meetings besser funktionieren könnten.

Mittagspause mit Freunden: Im Homeoffice habe ich meine Pausen gern dafür genutzt, mit Freundinnen zu videofonieren. Dann saßen wir beide mit unseren jeweiligen Mittagessen vor der Kamera, schwatzten und freuten uns. Es hat eine ganz eigene Qualität, sich die Gesellschaft für die Mittagspause auszusuchen, statt sie unwillkürlich mit Kollegen oder, wie in meinem Fall, wenn ich im Büro bin, allein zu verbringen.

Viel mehr Zeit mit dem Partner: Wenn der geliebte Andere auch im Homeoffice ist, bedeutet das, dass man plötzlich den Arbeitsalltag miteinander verbringt. Bei uns hieß das konkret, dass wir zum Beispiel mittags zusammen gegessen haben, aber auch, dass wir uns gegenseitig viel von unserer momentanen Arbeit erzählen konnten. Hatte man einen blöden Telefonanruf oder einen Stresspeak, konnte man das dem Anderen erzählen, sich in den Arm nehmen lassen und so wieder runterkommen. Das fand ich schön. :)

Einen Beitrag leisten: Unabhängig von dem, was es für uns persönlich bedeutet, leistet jeder und jede, die daheim bleibt, die nicht in den vollen Bahnen sitzt und nicht die Innenstädte füllt, einen Beitrag dazu, die Infektionsketten zu unterbrechen. Und das sollte jetzt gerade der Hauptgrund sein, motiviert an den heimischen Schreibtisch zurückzukehren, wenn die Politik es beschließt.

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