#lesetipp: Reisen, um dem Schmerz zu begegnen

Foto: George Hiles

Dreieinhalb Freunde reisen auf die schottische Insel Skye. Um ihre eigene Wahrheit zu finden. Um ihre Freundschaft zu retten. Und schließlich, um Abschied zu nehmen.

Covergestaltung: Ina Hengstler

In Simon Krappmanns neuem Roman „Die Kaputten“ geht es um eine morbide Mission: Nachdem ihr bester Freund sich umgebracht hat, lösen die einäugige Frigga, der schüchterne Thomas „Hawking“ und die lebenshungrige Jana ein Versprechen ein, das sie Steffen vor Jahren gegeben haben. Mit seiner Asche in einer Kaffeedose wandern sie durch die Highlands und stellen sich, zwischen Schweigen und Sprechen, zwischen Whisky, Astrophysik und dem wunderbaren Irrsinn der Existenz, endlich dem eigenen Schmerz über die Vergänglichkeit.

Es sind schwierige Themen, die auf 297 Seiten aufgerufen werden. Suizid, Depression, Verlust, Hass, Demütigung, Liebe. Doch Simon Krappmann schreibt mit solcher Vertrautheit und Gelassenheit darüber, die erahnen lassen, dass ihm vieles davon persönlich nicht fremd ist. Dabei ist der Titel „Die Kaputten“ gut gewählt. Denn auf der Reise durch Schottland zeigt sich, dass selbst die fröhlichsten Menschen irgendwann einmal kaputt gegangen sind. Das hat für mich eine tiefe innere Wahrheit, denn je länger wir leben, desto beschädigter sind wir. Wer glaubt, heil durchs Leben zu kommen, hat seine Zerstörung nur noch nicht gefunden.

Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Es geht in die Tiefe, hat phasenweise immer auch wieder philosophische Anteile, aber es ist dabei trotzdem straff erzählt. Manchmal kommt es wie ein Drehbuch daher, vor allem, wenn die drei lebendigen Reisenden sich untereinander oder mit anderen unterhalten. Da werden keine unnötigen Worte für den Leser gemacht, sondern es geht um die Protagonisten und ihre Gespräche, und das finde ich stark, es gibt der Geschichte Tempo. Dabei ist die Erzählweise dennoch alles andere als karg. An vielen Stellen werden Begegnungen mit Fremden, die Schönheit der Landschaft und die Gefühle, die das Unterwegssein in den Reisenden auslöst, bildreich und schön beschrieben.

Persönlich hat es mich auch angesprochen, weil ich 2018 ebenfalls mit einer Freundin durch Schottland gereist bin und mich in Glasgow, Edinburgh und vor allem in die einsame Insel Skye mit ihrer bunten Hauptstadt Portree sehr verliebt habe. Diese eigenen Bilder, den stürmischen Regen und die karge Landschaft vor Augen zu haben hat die Lektüre noch einmal zu etwas ganz besonderem gemacht. Und wer noch nicht dort war, bekommt beim Lesen definitiv Lust auf ein eigenes Schottland-Abenteuer.

Es ist das zweite Buch, das ich von Simon Krappmann lese nach dem fesselnden DDR-Beziehungsdrama „Ein tödlicher Sommer“ (2020). Und wieder erzählt er die Geschichte durch die Augen einer Frau, was ich faszinierend finde. Ich kenne ihn persönlich und doch wieder nicht: Wir haben vor knapp zwei Jahren ganze zehn Tage zusammengearbeitet, denn er ist einer der Redakteure in der Agentur, die ich im Mai 2020 nach zwei Wochen wieder verlassen habe. Er arbeitet immer noch dort und schreibt und schreibt.

Wir sind lose in Kontakt geblieben, und als er mir vor kurzem mailte, dass sein neues Buch erschienen sei, freute ich mich sehr, es kurz darauf im Briefkasten zu finden. Und auch noch in einer ganz außergewöhnlichen Verpackung, nämlich eingewickelt in rot-gemustertes Geschenkpapier, das an einen schottischen Kilt erinnerte, und umwickelt mit einer schwarzen, elastischen Augenklappe. Die Augenklappe machte mich natürlich besonders neugierig – ich konnte ja da noch nicht wissen, das sie das Markenzeichen von Hauptfigur Frigga ist, die eigentlich Frieda heißt. Und selbstverständlich habe ich die Augenklappe die gesamte Lektüre hindurch als Lesezeichen benutzt. :)

„Die Kaputten“ ist eigentlich ein Buch für alle: Für Mittzwanziger, die ihren Weg noch suchen, für Menschen um die 40 wie mich, die ihr eigenes Kaputtsein und die Weichen, die sie gestellt haben, ab und zu kritisch hinterfragen, und für Ältere, die die Jungen besser verstehen möchten. Ich kann mir auch vorstellen, dass es Teenagern gefällt, die ja oft intensive und ein bisschen morbide Lektüre mögen. „Die Kaputten“ gibt es auf allen gängigen Buchportalen zu kaufen, neu kostet es 12,99 Euro, als E-Book 2,99 Euro.

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